Mit Erstaunen liest man die Wahlempfehlung der Industrie AR für die Nationalratswahlen. Ein Verband, der sich als Stimme der produzierenden Wirtschaft versteht, gibt einer Lehrbeauftragten und Auditorin des öffentlich-rechtlichen Umfelds den Vorzug gegenüber einem industrie- und führungserfahrenen Unternehmer, Firmengründer und Manager. Das ist erklärungsbedürftig.
Die Begründung wirkt technokratisch: Entscheidend seien „politische Einfluss- und Wirkungsmöglichkeiten“ sowie der „grössere Nutzen“ für die Mitgliedsunternehmen. Worin dieser Nutzen konkret bestehen soll, bleibt offen – ebenso, weshalb er bei einer Person mit primär administrativem Hintergrund höher eingeschätzt wird als bei einem Kandidaten, der unternehmerische Risiken trägt, Arbeitsplätze geschaffen und industrielle Realitäten aus eigener Verantwortung kennt.
Besonders irritierend ist, dass industrielle Erfahrung zwar anerkannt, letztlich aber als zweitrangig eingestuft wird. Offenbar genügt es heute, politisch anschlussfähig zu sein, ohne Industrie tatsächlich gelebt zu haben. Wenn zudem parteipolitische Koordinationsmechanismen als Gegenargument ins Feld geführt werden, drängt sich der Eindruck auf, dass politische Berechenbarkeit höher gewichtet wird als wirtschaftliche Praxis.
Auch der Hinweis auf eine geschlechtergemischte Vertretung ersetzt keine sachliche Diskussion über wirtschaftspolitische Substanz. Wer Industriepolitik ernst nimmt, sollte sich fragen, ob die Stimme eines Unternehmers im Nationalrat nicht mindestens ebenso wertvoll wäre.
Der Entscheid wirft eine grundsätzliche Frage auf: Vertreten Industrieverbände noch die Industrie – oder vor allem das politisch Passende?